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Mit freistehendem Glockenturm

07.05.2010 - IDSTEIN

Im Wiesbadener Tagblatt von Marianne Kreikenbom

 

ORTSBESICHTIGUNG Die Katholische Kirche St. Martin in Idstein - ein Bau von Johannes Krahn

 

Die katholische Pfarrkirche St. Martin an der Wiesbadener Straße in Idstein ist architektonisch ein echter Hingucker, wenn man das mal so flapsig von einem Kirchenbau sagen kann. Entworfen und gebaut hat sie der in Mainz geborene Architekt Johannes Krahn (1908-1974).

 

Sein Architekturstudium absolvierte Krahn ivon 1923 bis 1929 an den Technischen Lehranstalten Offenbach, der Kunstgewerbeschule Aachen und den Kölner Werkschulen. Als prägend für Krahn erwiesen sich seine Lehrjahre in der Weimarer Republik bei Architektenpersönlichkeiten wie Dominikus Böhm, einem der bedeutendsten deutschen Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts, und Rudolf Schwarz, ebenfalls ein bekannter Kirchenbaumeister, für den Krahn 1928 bis 1940 tätig war.

 

Auf der intensiven Auseinandersetzung mit dem "Neuen Bauen" der 1920er Jahre und dem Streben des Architekten nach dem Gesamtkunstwerk gründet Krahns späterer Ruf als Verfechter der sogenannten Nachkriegsmoderne.

 

Zweifellos gehört er nach 1945 zu den wichtigsten Frankfurter Architekten. Krahn ist am Wiederaufbau der Paulskirche und des Städelschen Kunstinstituts beteiligt, baut das Frankfurter Bienenkorb-Hochhaus und gemeinsam mit Richard Heil das City-Hochhaus. 1956/57 realisiert er in Frankfurt seinen Entwurf für die katholische Pfarrkirche St. Wendel. Mit St. Martin entsteht knapp zehn Jahre später ein ganz ähnlicher Bau in Idstein, und zwar anstelle der für die katholische Gemeinde inzwischen zu klein gewordenen neugotischen Magdalenenkirche aus dem Jahr 1888. Am 5. Juni 1965 wird St. Martin von Bischof Wilhelm Kempf aus Limburg feierlich konsekriert.

 

Im Grundriss weicht Krahn weder bei St Wendel noch bei St. Martin vom tradierten Längsachsen-Schema ab, lässt aber in der Materialität beider Bauten das Vorbild Le Corbusier erkennen. Die hohen Natursteinmauern der Idsteiner Martinskirche sind außen wie innen unverputzt. Erst viel später allerdings sollte sich herausstellen, dass beim Bau in den 1950er Jahren ein Kalk verwendet worden war, der nach und nach den Mörtel zerbröseln ließ. So mussten in den vergangenen Jahren sowohl die Fugen der Außen- wie der Innenmauern ausgekratzt und neu verfugt werden.

 

Krahn hat einen monumentalen kubischen Kirchenbau geschaffen, der halbrund geschlossen ist und einen hoch aufragenden, freistehenden Glockenturm besitzt. Durch die Verwendung von Glas im kontrastierenden Zusammenspiel mit den Baustoffen Bruchstein und Beton gelingt hier eine Synthese von optischer Schwere und Transparenz, die für eine spannungsvolle sakrale Raumwirkung sorgt. Diese Wirkung verschlägt einem - ohne Übertreibung - glatt den Atem. Die Lichtführung im Kirchenraum erfolgt durch ein schmales, unter der Decke umlaufendes Lichtband. Im Rahmen einer 2003 erfolgten Innensanierung wurde die als unzureichend empfundene Beleuchtung durch Pendelleuchten ergänzt.

 

Bemerkenswert im Inneren sind neben der Schlichtheit von Altar, Ambo, Taufstein und Tabernakel aus Lahnmarmor die bei Lichteinfall wunderschön leuchtenden Kreuzwegfenster aus farbigem Glas, gestaltet von dem 1930 geborenen Berliner Künstler Paul Corazolla. Die neogotische Kreuzigungsgruppe in der durch einen neueren Umbau entstandenen Seitenkapelle stammt aus dem Vorgängerbau, der Magdalenenkirche.