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Predigt aus der Osternacht 2010

Keine Chance - Oder?  

 „Keine Chance“ – mit diesen Worten beginnt ein Gedicht
von Rudolf Otto Wiemer mit dem eigenartigen Titel: 
„Chance der Bärenraupe über die Straße zu kommen“.
Es ist ein Ostertext – obwohl das Wort Ostern nicht ein einziges Mal darin vorkommt:
„ Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in der Minute.
Fünf Laster - ein Schlepper - ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht – wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern – Radfahrern – Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur – dass jenseits Grün wächst.   Herrliches Grün – vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt.
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk
Geht los und geht und geht und geht – und kommt an“.
Liebe Leserinnen und Leser, der reine Wahnsinn.

Das einzige, was diese Bärenraupe hat, ist ein alles überragendes Ziel:

Das herrliche Grün jenseits der Strasse.

Keine Chance, so ergeht es nicht nur der Bärenraupe.
Keine Chance, so ergeht es häufig auch dem Menschen.
Viel zu häufig. Man muss nur einmal hinter die Türen eines Krankenhauses von Schwerkranken schauen.
Man muss nur einmal über den Friedhof gehen und sich
die frischen Gräber ansehen und an den Jahreszahlen
das Alter ablesen. Nicht nur für die Bärenraupe gilt das:
„Keine Chance“!
Auch der Mensch kann in eine Lage kommen, in der er buchstäblich kein Land mehr sieht und resigniert feststellt: Ich habe nichts mehr zu erwarten.
Alles ist eng geworden, alles ist hart und schwer geworden. Keine Chance!
Das ist das eine. „Die Bärenraupe weiß nicht wie breit  der Asphalt ist“ – heißt es in dem Gedicht – „die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Herrliches Grün“. Sie macht sich auf den Weg, sie blickt nicht nach rechts oder nach links, sie geht nicht hastig. Sie geht auf ihren Stummelfüßen unbeirrt auf ihr Ziel zu. Der reine Wahnsinn. Das ist das andere.
Das gehört aber genauso zum Menschen dazu, wie die bittere Erfahrung des:
„Keine Chance“! Ihm geht es eigentlich wie der Bärenraupe:
Er ahnt etwas von diesem Grün, von diesem Mehr an Leben.

Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst. Herrliches Grün.

Sie hat Lust nach Grün. Sie müsste hinüber.
Für unsere Bärenraupe bleibt es nicht bei dem
„Sie müsste hinüber“.  Sie geht los und geht und geht und  - kommt an.
Sie lässt zu, wonach sie sich sehnt, und sie wagt es.
Sie erreicht ihr Ziel, trotz aller Bedrohung.
Die Bärenraupe vertraut darauf:
Da gibt es Leben, auch wenn allzu häufig der Tod zuschlägt.

Und damit lebt die Bärenraupe genau das, was Ostern bedeutet.
Liebe Leserinnen und Leser, die gleiche Erfahrung, die gleiche Hoffnung bekommen wir zum Osterfest zugesagt.

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Warum verzichtet ihr auf das Grün des Lebens, das jenseits der Straße des Todes wächst? Warum schenkt ihr dem Tod eine größere Beachtung
als eurer Sehnsucht nach Leben? Gott hat uns ein Leben zugedacht, das einen unvergänglichen Wert hat und das deshalb den Einsatz lohnt.
Er verspricht uns, so unglaublich es klingt, ewiges Leben.
Das bedeutet Ostern für mich:
Nichts ist so bedrohlich auf dieser Welt, als dass es mich daran hindern könnte, nach dem Leben zu suchen, selbst der Tod nicht.
Ich weiß, nach menschlichem Ermessen spricht alles gegen das Erreichen dieses Ziels. Aber der österliche Mensch geht wie die Bärenraupe los.
Und geht und geht und geht – und kommt an.
Auch wenn noch so viele Gräber ausgehoben werden:
Der Tod hat nicht das letzte Wort, das letzte Wort hat das Leben.

Das Grab ist leer: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?

Dass Grün wächst für uns: wir sind zum Leben berufen.
Autos hin – Lastwagen her – die Bärenraupe geht los

und geht und geht und kommt an.
Wer so lebt, hat etwas von Ostern verstanden:
Losgehen, das Leben wagen und darauf vertrauen:
Wir kommen ans Ziel, weil Gott gehandelt hat.
Seit Ostern stimmt das „Keine Chance“ nicht mehr.
Gott sagt: Du sollst leben - über den Tod hinaus.
Die Botschaft von Ostern ist wirklich verrückt.  Sie redet von einem Gott, der alles verrückt. Er, der im Himmel thront, lacht über den Tod, heißt es.
Er ist der Grund unserer Osterfreude, unserem Osterlachen. 
Ich wünsche ihnen noch gesegnete Ostertage und etwas von dem Mut unserer Bärenraupe.

Ihr Pfarrer Jürgen Paul